Festgehalten in der Psychiatrie – Der Fall Mollath und die Angst vor der Zwangsjacke

Der Fall Gustl Mollath ist ein erschreckendes Beispiel dafür, wie der Aufenthalt in der Psychiatrie zum unfreiwilligen Dauerzustand werden kann. Die meisten psychisch Kranken kommen und gehen jedoch aus freien Stücken.
Der Fall Gustl Mollath hat einer alten Angst neue Nahrung gegeben: In die Psychiatrie kann jeder schnell hineingeraten, man kommt aber nur schwer wieder raus. Und in der Zwischenzeit machen Psychopharmaka aus Patienten willenlosen Zombies. Die Geschehnisse um den 56-jährigen Nürnberger lassen Justiz und Psychiatrie in Bayern in düsterem Licht erscheinen. Ein bedauerlicher Einzelfall, sagen die einen. Typisch für den Umgang mit widerspenstigen, renitenten und psychisch auffälligen Menschen, sagen die anderen. Das ist, kurz zusammengefasst, geschehen:

Der frühere Geschäftsmann Gustl Mollath erhob während des Scheidungskriegs vor knapp zehn Jahren schwere Beschuldigungen gegen seine Frau, eine Bankerin. Es ging um illegale Geldtransfers in die Schweiz. Die Bank schwieg, die Ehefrau nannte ihren Mann verrückt, er habe sie geschlagen und gewürgt. Der Fall landete 2006 vor Gericht und endete für den Beschuldigten in der geschlossenen Psychiatrie – er sei nicht schuldfähig, aber gemeingefährlich und habe Wahnvorstellungen. Der Angeklagte hatte stets behauptet, alle Vorwürfe dienten nur dazu, ihn mundtot zu machen und die Schwarzgeldaffäre unter den Teppich zu kehren. In der Klinik lehnte Gustl Mollath jede Therapie ab, er sei schließlich nicht verrückt. Dass er aber ausufernde und teils wirre Pamphlete an Justiz, Politik und Medien verschickte, verstärkte nur die Meinung von Ärzten, Gutachtern und Richtern, er bilde sich die Finanzmauscheleien ein und leide an Verfolgungswahn. Sieben Jahre später hat sich der Schwarzgeld-„Wahn“ größtenteils als Wahrheit erwiesen, die Anschuldigungen der Ex-Frau als Zweifelhaft und die die Beurteilung des Mannes vor, während und nach dem Prozess als voreingenommen, oberflächlich und leichtfertig. Jetzt soll der Fall vor Gericht neu aufgerollt werden. Aus der Psychiatrie entlassen wird der Mann deshalb noch lange nicht.

Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, wehrt sich gegen das negative Bild seiner Zunft und deren Umgang mit psychisch auffälligen Zeitgenossen. „Wir haben in Deutschland jährlich 1,3 Millionen stationäre Behandlungen, davon werden 13 000 Menschen vorübergehend untergebracht, etwa zehn Prozent davon werden gegen ihren Willen behandelt. Man darf behaupten, dass die überwiegende Mehrheit mit ihrer Therapie einverstanden und letztendlich auch zufrieden ist.“ Der Psychiater streitet nicht ab, dass es auch Missstände und Unklarheiten gibt, und dass diese dann aufgeklärt gehören, wie etwa im Fall Mollath. „Aber derzeit fällt dadurch ein schiefes Licht auf die stationäre Behandlung. Denn auch die Unterbringung gegen den Willen des Patienten gehört in engen Grenzen zu den notwendigen Maßnahmen einer psychiatrischen Behandlung.“ Wer sich aufgrund seines Geisteszustands selbst oder andere in Gefahr bringe und nicht bereit sei, sich berhandeln zu lassen, müsse auch gegen seinen Willen therapiert werden.

 
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